
Ladevorgang...
Vier Titel in Serie. Kein Team im Männerhandball hat das je geschafft — bis Dänemark im Januar 2025 in Kroatien erneut den Pokal hob und damit eine Ära zementierte, die längst über sporthistorische Fußnoten hinausgewachsen ist. Die Frage vor der Handball-WM 2027 in Deutschland lautet deshalb nicht mehr, ob die Dänen Favorit sind. Sie lautet: Kann irgendjemand sie stoppen?
Für Sportwetter ist diese Konstellation ein Geschenk und ein Minenfeld zugleich. Ein Geschenk, weil die Datenlage so dicht ist wie bei kaum einem anderen Turnier — Leistungsdaten aus vier aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaften, eine klar messbare Dominanz und ein Kader, dessen Schlüsselspieler in der europäischen Vereinslandschaft unter Dauerbeobachtung stehen. Ein Minenfeld, weil Buchmacher genau das wissen und ihre Quoten entsprechend einpreisen. Wer auf den Titelverteidiger setzt, bekommt wenig Rendite. Wer gegen ihn wettet, braucht belastbare Argumente.
Genau hier setzt diese Analyse an. Wir zerlegen die Favoritenfrage in messbare Einzelteile: Dänemarks statistische Ausnahmestellung, Frankreichs Herausfordererpotenzial, die Geheimtipps jenseits der üblichen Verdächtigen, das Quotenverhalten in der K.o.-Phase und die Methodik, mit der sich aus Turnierdaten eine fundierte Prognose ableiten lässt. Datengestützte WM-Prognose statt Bauchgefühl — das ist der Anspruch, und er beginnt mit den Zahlen, die die meisten Analysen ignorieren.
Dänemarks Dynastie — Warum die Titelverteidiger kaum zu stoppen sind
Dynastien im Sport entstehen selten durch Zufall. Sie entstehen, wenn ein Kader in der Breite so tief ist, dass Ausfälle kompensiert werden, wenn ein taktisches System mannschaftliche Geschlossenheit über individuelle Brillanz stellt und wenn ein Trainer diese beiden Faktoren über Jahre zusammenhält. Dänemark unter Nikolaj Jacobsen erfüllt alle drei Kriterien — und das auf einem Niveau, das im modernen Handball beispiellos ist.
Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Dänemark gewann vier Weltmeisterschaften in Folge — 2019, 2021, 2023 und 2025. Keine Mannschaft im Männer- oder Frauenhandball hatte das zuvor geschafft. Die EHF bestätigte diesen Rekord nach dem Finalerfolg 2025 in Oslo. Parallel dazu wuchs eine Siegesserie, die jedes statistische Modell sprengt: 37 WM-Spiele ohne Niederlage — 35 Siege und zwei Unentschieden —, eine Serie, die im Januar 2017 begann und auch nach dem Titelgewinn 2025 fortbesteht, da Dänemark alle neun Partien in Kroatien, Dänemark und Norwegen gewann. Der vorherige Rekord lag bei 25 Spielen, gehalten von Frankreich zwischen 2015 und 2019.
Was diese Dominanz für Wettmärkte bedeutet, wird klar, wenn man den durchschnittlichen Vorsprung betrachtet. Bei der WM 2025 siegte Dänemark mit einem Schnitt von +13,4 Toren pro Spiel nach sieben Partien — der höchste Wert, der jemals bei einer Handball-WM gemessen wurde. Das ist kein knapper Vorsprung, den ein starker Torhütertag oder ein taktisches Fehlverhalten des Gegners aushebeln könnte. Es ist eine strukturelle Überlegenheit, die sich durch alle Spielphasen zieht: Angriff, Abwehr, Tempogegenstöße, Überzahlspiel.
Im Zentrum dieser Maschine steht Mathias Gidsel. Der Rückraumspieler — auf dem Papier Halbrechter, in der Praxis ein Allrounder, der zwischen Rückraum und Außen pendelt — schloss die WM 2025 als Torschützenkönig ab: 74 Treffer bei einer Wurfquote von 72,4 Prozent. Zum zweiten Mal in Folge wurde er zum MVP gewählt. Über drei Weltmeisterschaften hinweg kommt Gidsel auf 163 Tore bei einem Schnitt von 6,52 pro Spiel, wie die IHF dokumentiert. Diese Konstanz ist kein Ausreißer — sie ist das Ergebnis eines Systems, das seinen besten Spieler in Positionen bringt, in denen er seine Stärken maximal ausspielen kann.
Jacobsen selbst ordnete die Leistung seines Teams mit bemerkenswerter Nüchternheit ein: „We always have the chance to win“ — Nikolaj Jacobsen, Cheftrainer der dänischen Nationalmannschaft. Ein Satz, der in seiner Schlichtheit das Selbstverständnis eines Kaders offenbart, für den Titelgewinne keine Überraschung mehr sind, sondern das erwartbare Ergebnis konsequenter Arbeit.
Für Sportwetter ergibt sich daraus ein klassisches Dilemma. Die Datenlage schreit förmlich nach einem Dänemark-Tipp auf den WM-Titel 2027 — doch genau diese Offensichtlichkeit drückt die Quote. Buchmacher preisen die Favoritenstellung längst ein, und bei einer Turnierquote, die selten über 2,00 hinausgeht, bleibt die Frage nach dem tatsächlichen Value. Die Antwort liegt nicht im Ob, sondern im Wie: In welchen Märkten — Handicap, Über/Unter, Einzelspielwetten — lässt sich die dänische Überlegenheit profitabler abbilden als über die nackte Siegerwette? Darauf kommen wir in den folgenden Abschnitten zurück.
Doch zunächst muss ein Herausforderer ernst genommen werden, der in jeder anderen Ära selbst der Topfavorit wäre.
Frankreich — Der stärkste Herausforderer und seine WM-Quoten
Wenn über den einzigen realistischen Dänemark-Bezwinger spekuliert wird, fällt ein Name mit fast monotoner Regelmäßigkeit: Frankreich. Und das hat Gründe, die über bloße Tradition hinausgehen. Sechs Weltmeistertitel — mehr als jede andere Nation — bilden das historische Fundament. Die taktische Schule, aus der Spieler wie Nikola Karabatić, Nedim Remili oder Dika Mem hervorgegangen sind, bildet das spielerische. Und die Tatsache, dass Frankreich bei der EM 2024 im Finale gegen Dänemark gewann — in der Verlängerung, nach einer Partie auf Augenhöhe —, liefert den jüngsten Beleg dafür, dass Les Experts das Niveau haben, um mit den Dänen mitzuhalten.
Dieser Sieg verdient eine genauere Betrachtung. Bei der WM 2025 trafen Dänemark und Frankreich zwar nicht direkt aufeinander — sie spielten in verschiedenen Hauptrundengruppen —, doch Frankreich zeigte im Turnierverlauf Qualitäten, die für die WM 2027 relevant sind. Das Team erreichte das Halbfinale, wo es Kroatien knapp unterlag, und gewann Bronze gegen Portugal. Frankreichs Stärke liegt im Kader — nicht in einem einzelnen Ergebnis.
Taktisch setzt Frankreich auf ein System, das Dänemarks Stärken am ehesten neutralisieren kann. Die defensive 6-0-Formation mit einem extrem aggressiven Heraustreten auf die Halbpositionen zielt darauf ab, die Verbindung zwischen Rückraum und Kreis zu stören — genau jene Achse, über die Dänemark den Großteil seiner Angriffe orchestriert. In der Offensive verfügt Frankreich über den vielleicht breitesten Rückraum der Welt: Remili und Mem auf den Halbpositionen bieten Wurfgewalt aus der zweiten Reihe, die selbst Dänemarks hervorragenden Torhütern Probleme bereitet.
Die Quotenlage reflektiert diese Konstellation. Frankreich steht bei den meisten Buchmachern als zweiter Favorit, typischerweise im Bereich 4,00 bis 5,50 für den WM-Titel. Das ist ein Quotenniveau, das deutlich mehr Spielraum für Value bietet als die dänische Favoritenquote. Die implizite Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 18 bis 25 Prozent — ein Bereich, der angesichts der französischen Kaderqualität durchaus diskutabel ist.
Die entscheidende Schwäche Frankreichs liegt allerdings nicht im Kader, sondern im Turnierverlauf. Bei den letzten drei Weltmeisterschaften scheiterte Les Experts jeweils in der K.o.-Phase an der mentalen Stabilität, die Dänemark in solchen Momenten fast routinemäßig abruft. Das Halbfinale 2025 gegen Kroatien, das die Franzosen knapp verloren, steht exemplarisch für ein Muster: starke Gruppenphase, überzeugende Hauptrunde, dann ein Leistungseinbruch im entscheidenden Moment. Der Generationswechsel nach dem Rücktritt von Karabatić — dem Spieler, der drei Jahrzehnte lang das Nervenkostüm des Teams in Drucksituationen stabilisierte — hat eine Lücke hinterlassen, die sich nicht durch taktische Anpassungen füllen lässt. Es ist eine Führungsfrage, und ob Guillaume Gille als Trainer die Antwort darauf hat, wird sich frühestens im Viertelfinale zeigen.
Für eine datengestützte WM-Prognose bedeutet das: Frankreich als Turniersiegerwette ist ein Szenario mit attraktiver Quote und realistischer Basis, aber erhöhtem Varianzrisiko. Wer dieses Risiko eingehen will, sollte es nicht über eine einfache Siegerwette tun, sondern über Märkte, die Frankreichs Stärken isolieren — etwa Gruppensiegerwetten oder Über/Unter auf französische Tore in der Vorrunde, wo das Team traditionell seine beste Phase hat.
Jenseits des Duells Dänemark gegen Frankreich öffnet sich allerdings ein Feld, das für Wettstrategien weitaus interessanter sein kann als die Top-zwei.
Geheimtipps 2027 — Schweden, Norwegen und aufstrebende Nationen
Ein Turnier mit 32 Mannschaften und einem K.o.-System ab dem Viertelfinale produziert fast zwangsläufig Überraschungen. Die Frage ist nicht, ob ein Außenseiter für Aufsehen sorgt, sondern welcher — und ob die Quotenlage zum Zeitpunkt des Turniers diese Möglichkeit ausreichend abbildet oder unterschätzt.
Schweden gehört zu jenen Teams, die der breiten Öffentlichkeit weniger präsent sind als Frankreich oder Deutschland, in der analytischen Betrachtung aber regelmäßig auftauchen. Der Grund ist ein Generationswechsel, der bei der WM 2025 erstmals sichtbar Früchte trug. Spieler wie Eric Johansson, Felix Claar und der junge Hampus Wanne bilden einen Rückraum, der an Dynamik und Wurfpräzision zu den besten fünf weltweit zählt. Die schwedische Defensivschule — historisch eine der diszipliniertesten überhaupt — gibt diesem offensiven Potenzial ein stabiles Fundament. Schweden erreichte 2025 das Halbfinale und verlor dort gegen den späteren Finalisten. Die WM-Sieger-Quote dürfte 2027 im Bereich 10,00 bis 15,00 liegen — ein Niveau, bei dem ein Halbfinaleinzug bereits einen positiven Expected Value generiert, wenn die implizite Wahrscheinlichkeit des Buchmachermarktes unter der realen liegt.
Norwegen ist ein anderer Fall. Das Team verfügt mit Sander Sagosen über einen der technisch begabtesten Rückraumspieler seiner Generation und hat bei Europameisterschaften wiederholt bewiesen, dass es auf Turnierniveau mithalten kann. Die WM-Bilanz ist jedoch inkonsistenter: Starke Gruppenphasen, gefolgt von Leistungseinbrüchen in der K.o.-Runde, sind ein wiederkehrendes Muster. Für eine Turniersiegerwette fehlt die Stabilität über sieben bis acht Spiele. Für Einzelspielwetten — insbesondere in der Gruppenphase, wo Norwegen regelmäßig auf Augenhöhe mit den Top-vier spielt — bietet das Team allerdings attraktive Möglichkeiten.
Ägypten verdient in einer Geheimtipp-Analyse besondere Erwähnung. Das Team hat sich unter Trainer Roberto García Parrondo von einer nordafrikanischen Regionalmacht zu einem globalen Konkurrenten entwickelt. WM-Platz vier 2021, Olympia-Halbfinale in Tokio 2021 — das sind keine Zufallsergebnisse, sondern Ausdruck eines professionellen Aufbauprogramms, das europäische Trainingsmethoden mit einer athletischen Grundausstattung verbindet, die im Handball ihresgleichen sucht. Die ägyptische Abwehr ist physisch, die Umschaltbewegungen sind schnell, und im Tor steht mit Mohamed Ali ein Keeper, der bei den Olympischen Spielen 2024 zu den besten des Turniers gehörte. Die Quote wird voraussichtlich über 20,00 liegen — ein klassischer Longshot, der aber keineswegs absurd ist.
Portugal rundete bei der WM 2025 die Überraschungen ab: Das Team erreichte das Halbfinale und zeigte dabei eine taktische Disziplin, die über das individuelle Talent einzelner Spieler hinausging. Trainer Paulo Pereira hat aus einer Mannschaft mittlerer Qualität ein System geformt, das gegen jedes Team der Welt bestehen kann — zumindest über sechzig Minuten. Ob diese Konsistenz über ein ganzes Turnier hält, ist die offene Frage.
Deutschland selbst gehört aus Sicht der Quoten ebenfalls in die Kategorie der erweiterten Außenseiter — mit dem entscheidenden Unterschied des Heimvorteils. Die Heim-WM 2007 endete mit Platz sieben, die Heim-WM 2019 mit Platz vier. Beide Male lag das Team über seiner erwarteten Platzierung gemessen an der Kaderqualität. Der Effekt einer Heim-WM auf die deutsche Mannschaft ist also dokumentiert, auch wenn er nicht für den Titel reichte. Ob 2027 mehr möglich ist, hängt von Faktoren ab, die wir in einer separaten DHB-Analyse vertiefen. Für die Favoritenbetrachtung genügt die Feststellung: Deutschland ist kein Geheimtipp im klassischen Sinne, sondern ein situativer Kandidat, dessen Wert ausschließlich im Turnierkontext entsteht.
Was alle Geheimtipps gemeinsam haben: Ihre Stärke liegt nicht in der Favoritenrolle, sondern im Quotengefälle. Buchmacher tendieren dazu, die Lücke zwischen Top-zwei und dem Rest zu überschätzen, weil der Großteil des Wettvolumens auf Dänemark und Frankreich entfällt. Das drückt deren Quoten und inflationiert die Quoten der Verfolger — ein Effekt, der sich in der K.o.-Phase noch verstärkt.
Quotenverschiebung in der K.o.-Phase — Warum Außenseiter Value bieten
Die Gruppenphase einer Handball-WM ist für Buchmacher ein relativ kalkulierbares Geschäft. Die Leistungsdaten der Teams sind bekannt, die Kaderbreite lässt sich einschätzen, und die Quoten folgen einem Muster, das von Turnier zu Turnier wenig variiert. In der K.o.-Phase ändert sich das fundamental — und genau hier entstehen die interessantesten Wettmöglichkeiten.
Der Mechanismus ist einfach und wird dennoch von vielen Wettern unterschätzt. In einem Einzelspiel mit klarem Favoriten fließt der Großteil des Wettvolumens auf den vermeintlich sicheren Sieg. Buchmacher reagieren darauf, indem sie die Favoritenquote nach unten korrigieren — nicht weil die Wahrscheinlichkeit gestiegen wäre, sondern weil das Risikomanagement es erfordert. Gleichzeitig steigt die Quote des Außenseiters, oft über den Wert hinaus, den eine nüchterne Wahrscheinlichkeitsberechnung rechtfertigen würde. Dieses Ungleichgewicht ist die Grundlage jeder Value-Bet-Strategie in Turnierwettbewerben.
Ein konkretes Beispiel aus der WM 2025 illustriert das Prinzip. Im Halbfinale traf Dänemark auf Portugal und gewann mit 40:27 — ein Ergebnis, das laut IHF den Rekord für die höchste Tordifferenz in einem WM-Halbfinale aufstellte. Die Favoritenquote auf Dänemark lag vor dem Spiel bei etwa 1,12 bis 1,18 — ein Niveau, bei dem selbst ein sicherer Sieg kaum Rendite bringt. Portugal stand dagegen bei Quoten um 8,00 bis 12,00. Der Ausgang bestätigte den Favoriten, aber das ist retrospektiv betrachtet irrelevant für die Wettbewertung. Entscheidend ist die Frage: Lag die reale Wahrscheinlichkeit eines portugiesischen Sieges bei mehr als den 8 bis 12 Prozent, die die Quote implizierte?
Die Antwort ist differenzierter, als es das Endergebnis vermuten lässt. Portugal hatte im selben Turnier Frankreich im Viertelfinale eliminiert. Das Team war taktisch eingespielt und mental im Flow. Dass Dänemark im Halbfinale einen historischen Demolierungslauf hinlegte, war ein Extremszenario — möglich, aber keineswegs das wahrscheinlichste. In einem Parallelszenario, in dem Dänemark einen normalen Leistungstag hat und Portugal seine Defensivstärke ausspielt, wäre ein knappes Spiel die Folge gewesen. Die reale Siegwahrscheinlichkeit Portugals dürfte eher bei 15 bis 20 Prozent gelegen haben — deutlich über der von den Quoten implizierten.
Dieses Muster wiederholt sich bei Großturnieren mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit. In der K.o.-Phase steigt die Varianz, weil ein einziges Spiel über das Ausscheiden entscheidet. Torhüterleistungen, Schiedsrichterentscheidungen, Verletzungen im Spielverlauf — all das sind Faktoren, die in einer Best-of-Serie kaum ins Gewicht fallen, im Einzelspiel aber den Ausschlag geben können. Buchmacher berücksichtigen diese Varianz teilweise, aber nicht vollständig, weil der Markt durch das Volumen der Favoritenwetten verzerrt wird.
Für die WM 2027 lässt sich daraus eine klare Handlungsempfehlung ableiten: Wer auf Außenseiter setzen will, sollte dies gezielt in der K.o.-Phase tun und die Gruppenphase als Analysefenster nutzen, nicht als Wettphase. Die attraktivsten Quoten entstehen in den Viertel- und Halbfinals — dort, wo die öffentliche Wahrnehmung am stärksten vom Favoritenbias geprägt ist.
Methodik — So entsteht unsere datengestützte WM-Prognose
Jede Prognose ist nur so gut wie ihre Methode — und jede Methode nur so glaubwürdig wie ihre Transparenz. In einem Markt, in dem „Expertentipps“ häufig nicht mehr sind als die persönliche Meinung eines ehemaligen Spielers, garniert mit einem Gefühl, ist es sinnvoll, den analytischen Rahmen offenzulegen, auf dem unsere Einschätzungen basieren.
Der erste Baustein ist die historische Turnierperformance. Wir betrachten die Ergebnisse der letzten drei Weltmeisterschaften (2021, 2023, 2025), ergänzt um die Europameisterschaften und Olympischen Spiele im selben Zeitraum. Dabei geht es nicht um eine einfache Auswertung von Siegen und Niederlagen, sondern um die Erfassung leistungsrelevanter Metriken: Tordifferenz, Wurfeffizienz, Fangquote der Torhüter, Tempogegenstoß-Effizienz und Leistung in Überzahlsituationen. Diese Metriken werden gewichtet — jüngere Turniere stärker als ältere, K.o.-Spiele stärker als Gruppenspiele.
Der zweite Baustein ist die Kaderanalyse. Handball ist ein Sport mit relativ kleinen Kadern — 16 Spieler, von denen in der Regel sieben bis neun den Großteil der Spielzeit absolvieren. Das macht den Sport anfälliger für individuelle Ausfälle als etwa Fußball, aber gleichzeitig besser prognostizierbar, weil die Abhängigkeit von identifizierbaren Schlüsselspielern höher ist. Wir erfassen den aktuellen Leistungsstand der Schlüsselspieler jedes Teams über ihre Vereinsperformance in der Bundesliga, der französischen Starligue und der dänischen Liga und gewichten Verletzungshistorien sowie Alterseffekte.
Der dritte Baustein — und der am häufigsten unterschätzte — ist der Turnierkontext. Die Handball-WM 2027 findet in Deutschland statt. Das ist kein neutraler Faktor. Heimvorteile im Handball sind statistisch nachweisbar und in ihrer Wirkung stärker als in vielen anderen Sportarten, weil die Hallensportart-Akustik eine direkte Wechselwirkung zwischen Publikum und Spielverlauf erzeugt. Schiedsrichterentscheidungen in Heimhallen tendieren messbar in Richtung des Gastgebers — nicht durch Bestechung, sondern durch den unbewussten Einfluss einer Hallenstimmung, die bei ausverkauften 19.000 Zuschauern in der LANXESS Arena Köln eine physische Kraft entwickelt.
Aus diesen drei Bausteinen ergibt sich ein Wahrscheinlichkeitsmodell, das jedem Team eine prozentuale Chance auf den Turniersieg zuweist. Dieses Modell ist kein Orakel — es ist ein Werkzeug, das Wahrscheinlichkeiten schätzt und diese mit den am Markt verfügbaren Quoten vergleicht. Dort, wo die modellierte Wahrscheinlichkeit signifikant über der impliziten Quotenwahrscheinlichkeit liegt, entsteht Value. Dort, wo sie darunterliegt, entsteht ein Warnsignal.
Ein Beispiel verdeutlicht das Prinzip. Wenn unser Modell Schweden eine Titelwahrscheinlichkeit von 9 Prozent zuweist und der Markt eine Quote von 15,00 anbietet (implizite Wahrscheinlichkeit: 6,7 Prozent), dann liegt ein positiver Expected Value vor. Nicht weil Schweden sicher gewinnt, sondern weil der Markt die Chance systematisch unterschätzt. Über viele solcher Entscheidungen hinweg — das ist die Grundannahme jeder professionellen Wettabwägung — entsteht ein statistischer Vorteil.
Diese Methodik ist bewusst nicht proprietär. Die Datenquellen sind öffentlich zugänglich: IHF-Statistiken, Vereinsdaten der europäischen Ligen, Quotenvergleichsportale. Der Unterschied liegt nicht im Zugang zu exklusiven Informationen, sondern in der systematischen Verarbeitung. Wer die gleichen Quellen nutzt, aber unsystematisch auswertet — ein Blick auf die Torschützenliste hier, ein Gefühl zur Formkurve dort — wird zu anderen und in der Regel weniger belastbaren Schlüssen kommen.
Zwei Einschränkungen gehören zur methodischen Ehrlichkeit dazu. Erstens: Kein Modell erfasst die psychologische Dimension eines Turniers vollständig. Die Frage, wie ein Team auf den Druck eines Heim-WM-Viertelfinals reagiert, lässt sich annähern, aber nicht berechnen. Zweitens: Die Datenbasis im Handball ist schmaler als im Fußball. Weniger Spiele pro Saison, weniger Tracking-Daten, weniger öffentlich verfügbare Expected-Goal-Modelle. Das bedeutet nicht, dass datengestützte Analyse im Handball wertlos ist — es bedeutet, dass die Fehlermarge größer ist und die Ergebnisse als Wahrscheinlichkeitskorridore gelesen werden sollten, nicht als Punktprognosen.
Wer wird Handball-Weltmeister 2027?
Die ehrliche Antwort lautet: wahrscheinlich Dänemark. Die Datenlage — vier Titel in Serie, 37 Spiele ohne Niederlage, ein Kader ohne erkennbare Schwachstelle und ein System, das individuelle Brillanz in kollektive Überlegenheit übersetzt — lässt keinen anderen Schluss zu. Doch Wahrscheinlichkeit und Wettempfehlung sind zwei verschiedene Kategorien.
Wer auf den dänischen Titel setzt, bekommt eine Quote, die die Dominanz bereits vollständig einpreist. Der Value liegt anderswo. Frankreich bietet bei einer Quote im Bereich 4,00 bis 5,50 ein realistisches Szenario mit deutlich attraktiverer Rendite. Schweden und Gastgeber Deutschland sind im Bereich 10,00 bis 15,00 klassische Value-Optionen für Wetter, die bereit sind, höhere Varianz in Kauf zu nehmen. Ägypten und Portugal bedienen den Longshot-Markt für jene, die ihr Portfolio bewusst diversifizieren.
Wichtiger als die Turniersiegerwette sind für die meisten Wetter allerdings die Einzelmärkte. Die K.o.-Phase produziert systematische Quotenverschiebungen zugunsten von Außenseitern — ein Effekt, der sich mit disziplinierter Analyse und Geduld nutzen lässt. Wer die Gruppenphase als Analysefenster nutzt, die Kaderform beobachtet und in der K.o.-Phase gezielt auf überbewertete Favoriten oder unterbewertete Außenseiter setzt, wird über ein Turnier hinweg profitabler agieren als der Tippgeber, der vor dem ersten Anwurf seinen WM-Sieger festlegt.
Datengestützte WM-Prognose statt Bauchgefühl — das bleibt der Leitsatz. Die Daten sagen: Dänemark ist der Maßstab. Aber der Maßstab ist nicht automatisch die beste Wette.